Ich bin kein unruhiger Schläfer und habe auf diesem Gebiet normalerweise keine Probleme. Eigentlich bin ich richtig gut im Schlafen. Ich schlafe ausgezeichnet. Ich mache kaum Fehler. Gäbe es eine olympische Diziplin „Schlafen“, hätte ich gute Chancen, in die britische Mannschaft aufgenommen zu werden. Ich finde, dass es „Schlafen“ bei den Olympischen Spielen geben sollte. Es würde sich herrvorragend als Freiluftwettkampf eignen, denn die Athleten (mir fällt kein besserer Begriff ein) könnten sich knapp außerhalb der Reichweite der Speere in ihre Betten legen, und der Erste, der einschläft und drei Stunden lang nicht aufwacht, würde Gold gewinnen. Ich zumindest wüsste gerne, welcher Charaktertyp am besten geeignet ist, um unter Wettkampfbedingungen zu schlafen. Und was für Aussichten! Ein Kommentator, der ganz aufgeregt feststellt, dass einer der Wettkämpfer „fast eingenickt“ ist, und seine Enttäuschung über einen jungen Briten äußert, der tragischer Weise von einer Startpistole geweckt worden ist, als nur fünf weitere Minuten in Schlummerland genügt hätten, um ihm die Bronzemedaille zu bescheren. (Und wer würde schon die Wiederholung in Zeitlupe verpassen wollen?)
Ich schaute auf meine Uhr. Halb zwei. Es war ja nicht so, dass ich nicht nahe dran gewesen wäre. Ich war schon zwei mal beihnahe eingeschlafen. Beide Male war mein allmähliches Abgleiten in diesen friedlichen Zustand durch eine kleine Explosion unterbrochen worden. Das war die Zentralheizung der Jugendherberge, die gemeinerweise so konstruiert war, dass sie alle vierzig Minuten ansprang. Das Intervall zwischen den Explosionen war lang genug, damit man richtig müde wurde, aber auch kurz genug, um einen bei der nächsten Detonation des Boilers noch so richtig aufzuschrecken.
Um zwei Uhr wurden die meisten, die das Glück gehabt hatten, es verloren zu haben, wieder zu Bewusstsein gebracht, als der Besitzer des Bettes unter mir lärmend zurückkehrte. Verräterische Anzeichen wie Rülpsen und Singen ließen vermuten, dass dieser Mann, als er mit der einfachen Frage konfrontiert worden war, was er mit diesem Abend anfangen sollte, nicht die gesunde Alternative gewählt hatte. Es entging meiner Aufmerksamkeit nicht, dass er in der gegebenen Situation die richtige Entscheidung getroffen hatte, denn kaum hatte er sich ungeschickt und lautstark seiner Kleidung entledigt und den Kopf auf das Kissen gelegt, fing er auch schon zu schnarchen an. Nun, nicht ganz. Er schnarchte fast. Die tiefen Atemzüge waren schon zu hören und auch die dazugehörigen Schnarchlaute, aber nur sehr leise. Unüberhörbar hatte dieser Mann das Potenzial, sehr laut zu schnarchen, er musste dafür aber erst warm werden. Es war unbedingt ratsam einzuschlafen, bevor er seine volle Lautstärke erreicht hatte.
In dieser Hinsicht versagte ich, und eine Stunde später hatte sein Schnarchen ein Niveau erreicht, das ihm eine Medaille bei den Europameisterschaften eingebracht hätte. Alle Hinweise deuteten darauf hin, dass er in einer weiteren Viertelstunde seine volle Leistungskraft erreichen und Schnarcher von sich geben würde, die sich mit den besten der Welt messen konnten. ich war der Einzige, dem dies Sorgen bereitete, denn an den deutlich vernehmbaren Atemrhytmen der anderen im Schlafsaal konnte ich erkennen, dass es allen außer mir gelungen war, einzuschlafen.
Fremdem Schnarchen ausgesetzt zu sein war für mich keine neue Erfahrung, aber zum ersten Mal kam das Schnarchen von direkt unter mir. Irgendwie wurde es dadurch um einiges beunruhigender und vermittelte den Eindruck, als drohe eine Art geologische Katastrophe. Mitten in der Nacht gibt es kein rationales Denken, und obwohl Irland nicht für seine Erdbeben und Vulkane berühmt ist, richtete ich mich doch zweimal voll Furcht kerzengerade im bett auf, als es unter mir heftig grollte.
Ich bin gegen die Todesstrafe. Ich glaube, es ist ein Fehler, den Menschen ausgerechnet dadurch, dass man sie umbringt, zeigen zu wollen, dass sie keine Menschen umbringen sollen. Ich bin jedoch nicht gegen das Töten von Schnarchern. Die Menschen haben schon unzählige Heilmittel gegen das Schnarchen probiert, und keines hat funktioniert. Gut, man kann die Schnarcher wecken, aber sie schlafen nur wieder ein und fangen von vorne an. Die einzig wirklich effektive Methode, jemanden am schnarchen zu hindern, ist, ihn zu töten.
Ich lag in meinem Bett und überlegte mir, was ich für Möglichkeiten hatte. Ihn zu ersticken schien das angemessenste zu sein, aber die Vorstellung, ihn zu erwürgen, gefiel mir auch. ich bildete mir ein, dass es auf der ganzen Welt kein Gericht geben würde, das meine gegenwärtige Notlage nicht als mildernde Umstände gelten lassen würde. Aber dann hörte er überraschend auf. Er hörte einfach zu schnarchen auf, als sei ein Waffenstillstand vereinbart worden. Die Stille war mir kein Trost. Ich wusste, dass dies nur eine vorrübergehende Einstellung der Kampfhandlungen war und dass er schon bald wieder loslegen würde. Mir war daher klar, dass die nächste Periode entscheidend war, wenn es mir gelingen sollte einzuschlafen. Ich musste jetzt handeln. Also wälzte ich mich auf die Seite und schloss krampfhaft die Augen. Es klappte nicht. Ganz offensichtlich verfüge ich nicht über die Voraussetzungen, die nötig gewesen wären, um unter derartigem Druck zu schlafen.
Die Nacht schleppte sich voran.
Hier in aller Kürze die wichtigsten Ereignisse:
3:30 Der Betrunkene fängt wieder zu schnarchen an.
3:45 Auf der anderen Seite des Schlafsaals lässt sich ein Schläfer dazu anregen mitzuschnarchen (es kommt zum Stereoeffekt).
4:30 Stehe auf und gehe zur Toilette. Stoße mit dem Zeh gegen einen Bettpfosten.
4:33 Komme von der Toilette zurück und stoße mit dem gleichen Zeh gegen einen anderen Bettpfosten.
4:55 Denke ernsthaft daran, mit aller Kraft zu schreien: „HÖRT MAL ALLE HER, VERSCHWINDET AUS MEINEM ZIMMER!!“
5:05 Ziehe Selbstmord als eine ernst zu nehmende Option in Erwägung.
5:07 Verwerfe Selbstmord, der zu laut wäre und die anderen wecken würde.
5:15 Ich gebe auf und finde mich mit einer Nacht ohne Schlaf ab.
5:16 Schlafe ein.
6:30 Wache auf, als der Wecker des chinesisch aussehneden Mannes klingelt.
6:31 Entscheide, dass der Tod zu gut für den chinesisch aussehenden Mann ist. Werde die Ermordung ihm nahestehender Familienangehöriger in Auftrag geben.
8:00 Beschließe aufzustehen.
8:01 Entdecke, dass ich eine unnötige und ungerechtfertigte Erektion habe.
8:02 Warte darauf, dass sich der Schlafsaal leert.
8:32 Schlafsaal ist beinahe leer. Riskiere es, aufzustehen. Riesige Dame aus Holland sieht die auffällige Ausbeulung meiner Boxershorts und lächelt.
8:40 Frühstück, das ich damit zubringe, Blickkontakt mit der Dame aus Holland zu vermeiden.
9:30 Verlasse das Gebäude.
Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht gerade zwischen die Kiefern steckt, den beißt’s auch nicht. Wilhelm Busch.
Montag, 5. Dezember 2011
Dienstag, 15. November 2011
Francis Hodgson Burnett – Der kleine Lord
In der Nähe des Grafen stand ein Stuhl mit hoher Lehne, und Cedrik setzte sich darauf. Seine Füßchen berührten nicht den Boden, dennoch schien er sich behaglich zu fühlen, wie er hier saß und seinen hohen Verwandten aufmerksam, aber bescheiden musterte.
„Ich war sehr neugierig zu wissen, wie Sie aussehen“, sagte er. „Während ich auf dem Schiffe in meiner Hängematte lag, habe ich öfter darüber nachgedacht, ob Sie wohl meinem Vater ähnlich wären.“
„Bin ich das?“ fragte der Graf.
„Ach, ich war noch sehr jung, als mein Papa starb“, antwortete Cedrik, „und ich erinnere mich seiner daher wohl nicht mehr genau, aber ich glaube nicht, dass Sie ihm ähnlich sind.“
„So bist du wohl enttäuscht?“ fragte der Graf.
„O nein!“ antwortete Cedrik höflich. „Natürlich wären auch Sie glücklich, wenn jemand Ihrem Vater gliche. Aber Sie würden sich auch über das Aussehen Ihres Großvaters freuen, wenn er nicht Ihrem Vater ähnlich sähe. Verwandte hat man doch immer lieb. Meinen Sie nicht auch?“
„Ich war sehr neugierig zu wissen, wie Sie aussehen“, sagte er. „Während ich auf dem Schiffe in meiner Hängematte lag, habe ich öfter darüber nachgedacht, ob Sie wohl meinem Vater ähnlich wären.“
„Bin ich das?“ fragte der Graf.
„Ach, ich war noch sehr jung, als mein Papa starb“, antwortete Cedrik, „und ich erinnere mich seiner daher wohl nicht mehr genau, aber ich glaube nicht, dass Sie ihm ähnlich sind.“
„So bist du wohl enttäuscht?“ fragte der Graf.
„O nein!“ antwortete Cedrik höflich. „Natürlich wären auch Sie glücklich, wenn jemand Ihrem Vater gliche. Aber Sie würden sich auch über das Aussehen Ihres Großvaters freuen, wenn er nicht Ihrem Vater ähnlich sähe. Verwandte hat man doch immer lieb. Meinen Sie nicht auch?“
Donnerstag, 10. November 2011
Friedrich Schiller – Die Bürgschaft
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande,
»Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
»Das sollst du am Kreuze bereuen.«
»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben:
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit
; Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh' du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«
Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme zu lösen die Bande.«
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel herab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Dem Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde ertrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.
»Was wollt ihr?« ruft er vor Schrecken bleich,
»Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
»Um des Freundes willen erbarmet euch!«
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.
Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee.
»O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«
Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:
»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«
»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!«
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichter Chor:
»Mich, Henker«, ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Augen tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.
Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
So nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte!«
Donnerstag, 27. Oktober 2011
Matt Ruff – Bad Monkeys
„Worin besteht Ihre Arbeit bei Bad Monkeys“, fragte der Arzt, „also was tun Sie? Böse Menschen bestrafen?“
„Nein. Normalerweise töten wir sie einfach.“
„Und töten ist keine Strafe?“
„Nur dann, wenn man’s tut, um jemand irgend etwas heimzuzahlen. Aber das ist nicht das Ziel der Organisation. Wir versuchen lediglich, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“
„Indem Sie böse Menschen töten.“
„Nicht alle. Nur die, bei denen Kosten-Nutzen zu dem Schluss kommt, dass sie durch ihre weitere Existenz erheblich mehr Schaden anrichten würden als Gutes tun.“
„Macht es Ihnen etwas aus, Menschen zu töten?“
„Eigentlich nicht. Es ist nicht so, als wenn man Polizist wär. Ich meine, Bullen, die haben es mit allen möglichen Leuten zu tun, und manchmal müssen sie im Namen des Gesetzes Typen einbuchten, die eigentlich gar nicht so schlimm sind. Ich kann mir schon vorstellen, dass einen das in Gewissenskonflikte stürzen kann. Aber die Typen, die wir uns bei Bad Monkeys vorknöpfen, sind keine von der Sorte, die einem gemischte Gefühle verursachen.“
„Nein. Normalerweise töten wir sie einfach.“
„Und töten ist keine Strafe?“
„Nur dann, wenn man’s tut, um jemand irgend etwas heimzuzahlen. Aber das ist nicht das Ziel der Organisation. Wir versuchen lediglich, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“
„Indem Sie böse Menschen töten.“
„Nicht alle. Nur die, bei denen Kosten-Nutzen zu dem Schluss kommt, dass sie durch ihre weitere Existenz erheblich mehr Schaden anrichten würden als Gutes tun.“
„Macht es Ihnen etwas aus, Menschen zu töten?“
„Eigentlich nicht. Es ist nicht so, als wenn man Polizist wär. Ich meine, Bullen, die haben es mit allen möglichen Leuten zu tun, und manchmal müssen sie im Namen des Gesetzes Typen einbuchten, die eigentlich gar nicht so schlimm sind. Ich kann mir schon vorstellen, dass einen das in Gewissenskonflikte stürzen kann. Aber die Typen, die wir uns bei Bad Monkeys vorknöpfen, sind keine von der Sorte, die einem gemischte Gefühle verursachen.“
Freitag, 14. Oktober 2011
Robert Louis Stevenson – Der Selbstmörderclub
„Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb ich Ihnen meine Geschichte nicht erzählen sollte; vielleicht ist aber das gerade der Grund, weswegen ich es doch tun will. Endlich scheinen Sie mir so gut darauf vorbereitet, eine Geschichte voller Albernheiten anzuhören, dass ich es nicht übers Herz bringe, Sie zu enttäuschen. Meinen Namen werde ich trotz Ihres Beispiels für mich behalten. Auch mein Alter ist für die Narretei nicht wesentlich. Ich stamme von meinen Vorfahren auf ganz gewöhnliche Weise ab und von ihnen erbte ich auch das höchst passable Äußere, dessen ich mich noch erfreue, und ein Vermögen von dreihundert Pfund Rente. Ich nehme ferner an, dass sie gleichfalls die Neigung zu unbesonnen Scherzen auf mich übertrugen, der zu frönen meine hauptsächlichste Freude war. Ich empfing eine gute Erziehung. Ich spiele die geige fast gut genug, um damit in einem Schmierenorchester Geld zu verdienen, ein bisschen fehlt freilich noch dazu. Das gleich gilt für Flöte und Französiches Horn. Vom Whist lernte ich genügend, um in einem Jahr bei diesem gelehrten Spiel mehr als hundert Pfund zu verlieren. Meine Vertrautheit mit der französischen Sprache reichte hin, es mir zu ermöglichen, in Paris fast mit der gleichen Leichtigkeit Geld zu verschwenden wie in London. Kurz, ich bin eine Person mannigfachen Talentes. Es gibt keinerlei Abenteuer einschließlich eines Duells um nichts, die ich nicht unternommen, in denen ich mich nicht betätigt hätte. Kaum zwei Monate sind verstrichen, da traf ich eine junge Dame, die an Körper und Geist völlig meinem Geschmack entsprach; ich fühlte, wie mein Herz schmolz; endlich, sah ich, hatte sich mein Schicksal erfüllt, ich war auf bestem Wege, mich zu verlieben. Als ich mich jedoch daran machte, zu überzählen, was von meinem Kapital noch übrig blieb, stellte ich fest, dass es sich auf etwas weniger als vierhundert Pfund belief! Ich frage Sie aufrichtig – kann ein Mann von Selbstachtung sich auf Grundlage von vierhundert Pfund verlieben? Meine Schlussfolgerung lautete: ausgeschlossen. Ich floh die Gegenwart meiner Zauberin, und ein wenig die Höhe meiner gewohnten Aufwendungen steigernd, erreichte ich heute früh meine letzten achtzig Pfund. Diese Summe teilte ich zwei gleiche Teile; vierzig reservierte ich für einen besonderen Zweck; die verbleibenden vierzig wollte ich vor Nachtanbruch vergeuden. ich habe einen sehr arbeitsreichen Tag hinter mir und außer dem Unfug mit den Sahnetörtchen, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft verschaffte, betätige ich mich noch in manchen anderen Possen, war es doch meine Bestimmung, wie ich Ihnen bereits erzählte, einen närrischen Lebenslauf zu einem noch närrischeren Abschluss zu bringen. Und als Sie sahen, wie ich meine Börse auf die Straße schmiss, waren meine vierzig Pfund zu Ende. Jetzt kennen Sie mich so genau wie ich mich selbst kenne: ein Narr, aber in feiner Narrheit beständig; und, das möchte ich Sie bitten mir zu glauben, weder ein Jammerlappen noch ein Feigling.“
Mittwoch, 12. Oktober 2011
Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen
Und er segelte zurück, fast ein ganzes Jahr und viele Wochen lang und noch einen Tag bis in sein Zimmer, wo es Nacht war und das Essen auf ihn wartete, und es war noch warm.
Montag, 3. Oktober 2011
James Herriot – Der Doktor und das liebe Vieh
Ich hatte gerade einen Anruf von einem Mr. Heaton aus Bronsett entgegengenommen, der die Autopsie eines verendeten Schafs wünschte.
«Ich möchte, daß Sie mitkommen, James», sagte Siegfried. «Heute liegt ohnehin nichts Besonderes vor, und ich glaube, auf dem College lernt ihr Burschen ein recht zügiges Autopsieverfahren. Ich will mir das mal ansehen.»
Als wir das Dorf Bronsett erreichten, steuerte Siegfried den Wagen in einen Weg zur Linken. «Wohin wollen Sie denn?» rief ich. «Heaton wohnt am anderen Ende des Dorfes.»
«Aber Sie sagten Seaton.»
«Ich versichere Ihnen...»
«James, ich stand direkt neben Ihnen, als Sie mit dem Mann sprachen. Ich hörte genau, wie Sie Seaton sagten.»
Ich öffnete den Mund, um weiterzuargumentieren, aber der Wagen sauste den Weg hinunter, und Siegfried preßte die Kinnbacken verbissen zusammen. Ich beschloß, es ihn selbst herausfinden zu lassen.
Wir hielten mit kreischenden Bremsen vor dem Bauernhaus an. Der Wagen hatte noch nicht aufgehört zu zittern, da war Siegfried schon draußen und wühlte im Kofferraum herum. «Zum Teufel», brüllte er, «jetzt habe ich kein Seziermesser. Na, dann leihe ich mir eben irgend etwas im Haus.» Er knallte den Deckel herunter und eilte zur Tür.
Die Bauersfrau öffnete, und Siegfried sah sie mit strahlendem Lächeln an. «Guten Morgen, Mrs. Seaton, haben Sie ein Vorlegemesser?»
Die gute Frau zog die Augenbrauen hoch. «Ein was...?»
«Ein Messer zum Bratenschneiden, Mrs. Seaton, und zwar ein recht scharfes, bitte.»
«Zum Tranchieren meinen Sie?»
«Ja, genau, ein Tranchiermesser!» schrie Siegfried, dessen geringer Vorrat an Geduld erschöpft war. «Und vielleicht beeilen Sie sich ein bißchen, ich habe nicht viel Zeit.»
Die verwirrte Frau zog sich in die Küche zurück, und ich hörte aufgeregtes Geflüster und Gemurmel. Ab und zu kamen Kinderköpfe zum Vorschein, um einen raschen Blick auf Siegfried zu werfen, der ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. Nach einiger Zeit erschien eine der Töchter und streckte ihm mit ängstlicher Miene ein langes, gefährlich aussehendes Messer entgegen.
Siegfried riß es ihr aus der Hand und strich mit dem Daumen über die Schneide. «Das taugt überhaupt nichts!» brüllte er wütend. «Begreift ihr denn nicht, ich brauche etwas wirklich Scharfes. Hol mir einen Wetzstahl.»
Das Mädchen eilte in die Küche zurück, und nun erhob sich ein leises Stimmengewirr. Ein paar Minuten vergingen, dann wurde ein anderes Mädchen aus der Tür geschoben. Sie näherte sich Siegfried bis auf Armeslänge, gab ihm den Stahl und brachte sich eilig in Sicherheit. Siegfried war sehr stolz auf sein Geschick, Messer zu schärfen. Er hatte großen Spaß daran. Je öfter er das Messer über den Stahl zog, desto mehr begeisterte ihn seine Arbeit, und schließlich fing er an zu singen. Aus der Küche drang kein Laut, man hörte nur das Klirren von Stahl auf Stahl, begleitet von dem unmelodischen Gesang; hin und wieder gab es eine Pause, während er sorgfältig die Schneide prüfte; dann begann das Schleifen von neuem.
Als Siegfried die Arbeit zu seiner Zufriedenheit beendet hatte, spähte er ins Haus. «Wo ist Ihr Mann?» rief er.
Da er keine Antwort bekam, marschierte er in die Küche und schwenkte triumphierend die schimmernde Klinge. Ich folgte ihm. Mrs. Seaton und ihre Töchter kauerten in einer Ecke und starrten Siegfried mit großen, erschrockenen Augen an. Er machte eine weit ausholende Bewegung mit dem Messer. «So, kommen Sie, ich kann jetzt anfangen.»
«Anfangen? Womit?» flüsterte die Mutter und drückte ihre Kinder fest an sich.
«Ich möchte Ihr Schaf sezieren. Sie haben doch ein totes Schaf, nicht wahr?»
Nun folgten Erklärungen und Entschuldigungen.
Später machte mir Siegfried ernste Vorhaltungen, weil ich ihm angeblich die falsche Adresse genannt hatte. «In Zukunft müssen Sie etwas besser aufpassen, James», sagte er streng. «So was macht nämlich einen sehr schlechten Eindruck.»
«Ich möchte, daß Sie mitkommen, James», sagte Siegfried. «Heute liegt ohnehin nichts Besonderes vor, und ich glaube, auf dem College lernt ihr Burschen ein recht zügiges Autopsieverfahren. Ich will mir das mal ansehen.»
Als wir das Dorf Bronsett erreichten, steuerte Siegfried den Wagen in einen Weg zur Linken. «Wohin wollen Sie denn?» rief ich. «Heaton wohnt am anderen Ende des Dorfes.»
«Aber Sie sagten Seaton.»
«Ich versichere Ihnen...»
«James, ich stand direkt neben Ihnen, als Sie mit dem Mann sprachen. Ich hörte genau, wie Sie Seaton sagten.»
Ich öffnete den Mund, um weiterzuargumentieren, aber der Wagen sauste den Weg hinunter, und Siegfried preßte die Kinnbacken verbissen zusammen. Ich beschloß, es ihn selbst herausfinden zu lassen.
Wir hielten mit kreischenden Bremsen vor dem Bauernhaus an. Der Wagen hatte noch nicht aufgehört zu zittern, da war Siegfried schon draußen und wühlte im Kofferraum herum. «Zum Teufel», brüllte er, «jetzt habe ich kein Seziermesser. Na, dann leihe ich mir eben irgend etwas im Haus.» Er knallte den Deckel herunter und eilte zur Tür.
Die Bauersfrau öffnete, und Siegfried sah sie mit strahlendem Lächeln an. «Guten Morgen, Mrs. Seaton, haben Sie ein Vorlegemesser?»
Die gute Frau zog die Augenbrauen hoch. «Ein was...?»
«Ein Messer zum Bratenschneiden, Mrs. Seaton, und zwar ein recht scharfes, bitte.»
«Zum Tranchieren meinen Sie?»
«Ja, genau, ein Tranchiermesser!» schrie Siegfried, dessen geringer Vorrat an Geduld erschöpft war. «Und vielleicht beeilen Sie sich ein bißchen, ich habe nicht viel Zeit.»
Die verwirrte Frau zog sich in die Küche zurück, und ich hörte aufgeregtes Geflüster und Gemurmel. Ab und zu kamen Kinderköpfe zum Vorschein, um einen raschen Blick auf Siegfried zu werfen, der ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. Nach einiger Zeit erschien eine der Töchter und streckte ihm mit ängstlicher Miene ein langes, gefährlich aussehendes Messer entgegen.
Siegfried riß es ihr aus der Hand und strich mit dem Daumen über die Schneide. «Das taugt überhaupt nichts!» brüllte er wütend. «Begreift ihr denn nicht, ich brauche etwas wirklich Scharfes. Hol mir einen Wetzstahl.»
Das Mädchen eilte in die Küche zurück, und nun erhob sich ein leises Stimmengewirr. Ein paar Minuten vergingen, dann wurde ein anderes Mädchen aus der Tür geschoben. Sie näherte sich Siegfried bis auf Armeslänge, gab ihm den Stahl und brachte sich eilig in Sicherheit. Siegfried war sehr stolz auf sein Geschick, Messer zu schärfen. Er hatte großen Spaß daran. Je öfter er das Messer über den Stahl zog, desto mehr begeisterte ihn seine Arbeit, und schließlich fing er an zu singen. Aus der Küche drang kein Laut, man hörte nur das Klirren von Stahl auf Stahl, begleitet von dem unmelodischen Gesang; hin und wieder gab es eine Pause, während er sorgfältig die Schneide prüfte; dann begann das Schleifen von neuem.
Als Siegfried die Arbeit zu seiner Zufriedenheit beendet hatte, spähte er ins Haus. «Wo ist Ihr Mann?» rief er.
Da er keine Antwort bekam, marschierte er in die Küche und schwenkte triumphierend die schimmernde Klinge. Ich folgte ihm. Mrs. Seaton und ihre Töchter kauerten in einer Ecke und starrten Siegfried mit großen, erschrockenen Augen an. Er machte eine weit ausholende Bewegung mit dem Messer. «So, kommen Sie, ich kann jetzt anfangen.»
«Anfangen? Womit?» flüsterte die Mutter und drückte ihre Kinder fest an sich.
«Ich möchte Ihr Schaf sezieren. Sie haben doch ein totes Schaf, nicht wahr?»
Nun folgten Erklärungen und Entschuldigungen.
Später machte mir Siegfried ernste Vorhaltungen, weil ich ihm angeblich die falsche Adresse genannt hatte. «In Zukunft müssen Sie etwas besser aufpassen, James», sagte er streng. «So was macht nämlich einen sehr schlechten Eindruck.»
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