Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht gerade zwischen die Kiefern steckt, den beißt’s auch nicht. Wilhelm Busch.
Dienstag, 10. Mai 2011
Javier Marías – Morgen in der Schlacht denk an mich
Unterdessen streben wir langsam unserer Auflösung entgegen, nur um auf der Rück- oder Kehrseite der Zeit zu wandeln, wo man nicht weiter denken und auch nicht weiter Abschied nehmen kann: Leb wohl, Gelächter, und leb wohl, Schmach. Ich werde euch nicht wiedersehen und ihr mich auch nicht. Und leb wohl, Lebensglut, lebt wohl, Erinnerungen.
Montag, 9. Mai 2011
Jonathan Stroud – Die Spur ins Schattenland
Er schaut mich immer noch an. Das Wasser ist grün, Luftblasen steigen auf. Sein Gesicht leuchtet weiß zwischen dem Moos und den Unkrautschlingen.
Ich schaue ihn an, und da spricht sein Mund meinen Namen durch das stumme Wasser. Ein Schwall von Luftblasen explodiert auf seinen Lippen. Sie stürzen auf mich ein, heften sich auf meine Augen und mein Gesicht und einen Augenblick bin ich blind. Dann steigen sie sprudelnd nach oben ins Licht, dorthin, wo es Tag ist, und ich kann wieder sehen. Ein einziges Mal erhasche ich noch einen Blick auf seine Augen, dann wenden sie sich von mir ab, dem Schattenland entgegen, und sein Gesicht wird von dem dunklen Grün um uns herum verschluckt.
...
Die Luftbläschen trugen mich jetzt wie in einem Schaumkissen nach oben, das Licht wurde heller und heller, bis es über meinem Kopf zerplatzte und mich die warme Luft des Spätsommernachmittags umgab. Ich strampelte keuchend in der Mitte des Mühlteichs, in meiner verletzten Wade spürte ich einen stechenden Schmerz. Das Wasser um mich herum war still und in den Pflaumenbäumen zwitscherten die Amseln. Es waren vielleicht zwei Minuten vergangen, seit ich ins Wasser gesprungen war, aber seit diesem Augenblick schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, und das Vogelgezwitscher klang fremd und seltsam. Ich schwamm zum Ufer, hievte mich auf die warme Steinplatte hoch und starrte stumpf auf die ruhige Wasseroberfläche des Mühlteichs, der mir meinen Freund für immer genommen hatte. Meine Lungen atmeten die warme Spätsommerluft ein, aber durch mein Herz strömte kaltes grünes Wasser.
Ich schaue ihn an, und da spricht sein Mund meinen Namen durch das stumme Wasser. Ein Schwall von Luftblasen explodiert auf seinen Lippen. Sie stürzen auf mich ein, heften sich auf meine Augen und mein Gesicht und einen Augenblick bin ich blind. Dann steigen sie sprudelnd nach oben ins Licht, dorthin, wo es Tag ist, und ich kann wieder sehen. Ein einziges Mal erhasche ich noch einen Blick auf seine Augen, dann wenden sie sich von mir ab, dem Schattenland entgegen, und sein Gesicht wird von dem dunklen Grün um uns herum verschluckt.
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Die Luftbläschen trugen mich jetzt wie in einem Schaumkissen nach oben, das Licht wurde heller und heller, bis es über meinem Kopf zerplatzte und mich die warme Luft des Spätsommernachmittags umgab. Ich strampelte keuchend in der Mitte des Mühlteichs, in meiner verletzten Wade spürte ich einen stechenden Schmerz. Das Wasser um mich herum war still und in den Pflaumenbäumen zwitscherten die Amseln. Es waren vielleicht zwei Minuten vergangen, seit ich ins Wasser gesprungen war, aber seit diesem Augenblick schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, und das Vogelgezwitscher klang fremd und seltsam. Ich schwamm zum Ufer, hievte mich auf die warme Steinplatte hoch und starrte stumpf auf die ruhige Wasseroberfläche des Mühlteichs, der mir meinen Freund für immer genommen hatte. Meine Lungen atmeten die warme Spätsommerluft ein, aber durch mein Herz strömte kaltes grünes Wasser.
Sonntag, 8. Mai 2011
Joël Egloff – Mein kleines Paradies
Bei Westwind riecht es ziemlich nach faulen Eiern. Wenn der Wind aus Osten bläst, beißt uns eine Art Schwefelgeruch in die Nase. Weht er aus Norden, kommen schwarze Rauchwolken geradewegs auf uns zu. Und wenn Südwind aufkommt, was zum Glück nicht oft der Fall ist, riecht es wirklich nach Scheiße, anders kann man es nicht ausdrücken.
Wir, die wir mitten drin sind, achten schon lang nicht mehr darauf. Es ist letztlich nur eine Frage der Gewöhnung. Man gewöhnt sich an alles.
Auch klimatisch sind wir nicht gerade auf Rosen gebettet. Soweit ich mich zurückerinnern kann, ist es hier immer gleich heiß gewesen, und gleich finster. So viel ich auch in meinem Gedächtnis krame, so sehr ich mir das Gehirn zermartere, ich kann mich nicht erinnern, dass es einmal kühler gewesen wäre oder das Wetter sich mal etwas aufgeheitert hätte. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese graue Decke einmal aufgerissen wäre, die an manchen Tagen sogar auf uns herabfällt und uns von morgens bis abends im Nebel lässt und manchmal auch mehrere Tage hintereinander und ganze Wochen, wenn sich kein Lüftchen regt.
Klar, dass das keine gesunde Umgebung ist. Die Kinder sind blässlich, die Alten nicht sehr alt. Eine Unterscheidung, die übrigens nicht immer getroffen wird. Ich jedenfalls, werde mein Leben nicht hier beenden. Eines Tages werde ich mich woanders umschauen, auch wenn es immer heißt, es sei überall gleich und es gebe Orte, wo es noch schlimmer sei. Ich kann meine Phantasie noch so sehr anstrengen, es fällt mir schwer, das zu glauben.
Wir, die wir mitten drin sind, achten schon lang nicht mehr darauf. Es ist letztlich nur eine Frage der Gewöhnung. Man gewöhnt sich an alles.
Auch klimatisch sind wir nicht gerade auf Rosen gebettet. Soweit ich mich zurückerinnern kann, ist es hier immer gleich heiß gewesen, und gleich finster. So viel ich auch in meinem Gedächtnis krame, so sehr ich mir das Gehirn zermartere, ich kann mich nicht erinnern, dass es einmal kühler gewesen wäre oder das Wetter sich mal etwas aufgeheitert hätte. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese graue Decke einmal aufgerissen wäre, die an manchen Tagen sogar auf uns herabfällt und uns von morgens bis abends im Nebel lässt und manchmal auch mehrere Tage hintereinander und ganze Wochen, wenn sich kein Lüftchen regt.
Klar, dass das keine gesunde Umgebung ist. Die Kinder sind blässlich, die Alten nicht sehr alt. Eine Unterscheidung, die übrigens nicht immer getroffen wird. Ich jedenfalls, werde mein Leben nicht hier beenden. Eines Tages werde ich mich woanders umschauen, auch wenn es immer heißt, es sei überall gleich und es gebe Orte, wo es noch schlimmer sei. Ich kann meine Phantasie noch so sehr anstrengen, es fällt mir schwer, das zu glauben.
Mittwoch, 20. April 2011
F. Scott Fitzgerald – Der seltsame Fall des Benjamin Button
Man schnitt dem Zuwachs der Familie Button die schütteren Haare kurz, färbte sie unnatürlich schwarz und rasierte ihm das Gesicht so glatt, dass es glänzte, man steckte ihn in einen Anzug für kleine Jungen, den ein verdutzter Schneider nach strikten Anweisungen angefertigt hatte, und doch vermochte Roger Button auch nach alledem nicht darüber hinwegzusehen, dass sein Sohn wohl schwerlich den Vorstellungen entsprach, die eine Familie sich normalerweise von ihrem ersten Baby macht. Schließlich maß Benjamin Button – denn so und nicht Methusalem, was zwar angemessen, aber gehässig gewesen wäre, hatte man ihn genannt – trotz seiner altershalber gebückten Haltung einen Meter siebzig, was seine Kleiderebenso wenig verbargen, wie das Stutzen und Färben seiner Augenbrauen die Tatsache verhehlen konnte, dass die Augen darunter verwaschen, wässrig und müde waren. Und wirklich hatte das im Voraus verpflichtete Kindermädchen gleich nach dem ersten Blick in heller Empörung das Haus verlassen.
Mr. Button aber wich trotz allem keinen Zoll von seiner Haltung ab. Benjamin war ein Baby, und genau das sollte er auch bleiben. Anfänglich hatte der gestrenge Vater sogar verfügt, dass Benjamin, wenn er keine warme Milch möge, eben überhaupt keine Nahrung bekommen solle, hatte sich dann aber erweichen lassen und seinem Sohn zumindest Butterbrote und immerhin – als Kompromiss – auch Hafergrütze erlaubt. Eines Tages brachte er eine Rassel mit nach Hause, drückte sie Benjamin in die Hand und beharrte starrsinnig darauf, dass dieser damit „spielen“ solle, worauf der Alte das Ding mit gottergebener Miene in die Hand nahm und man ihn den ganzen Tag in regelmäßigen Abständen artig klappern hörte.
Mr. Button aber wich trotz allem keinen Zoll von seiner Haltung ab. Benjamin war ein Baby, und genau das sollte er auch bleiben. Anfänglich hatte der gestrenge Vater sogar verfügt, dass Benjamin, wenn er keine warme Milch möge, eben überhaupt keine Nahrung bekommen solle, hatte sich dann aber erweichen lassen und seinem Sohn zumindest Butterbrote und immerhin – als Kompromiss – auch Hafergrütze erlaubt. Eines Tages brachte er eine Rassel mit nach Hause, drückte sie Benjamin in die Hand und beharrte starrsinnig darauf, dass dieser damit „spielen“ solle, worauf der Alte das Ding mit gottergebener Miene in die Hand nahm und man ihn den ganzen Tag in regelmäßigen Abständen artig klappern hörte.
Dienstag, 19. April 2011
Eric-Emmanuel Schmitt – Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran
„Warum lächelst du nie, Momo?“ fragte mich Monsieur Ibrahim.
Diese Frage traf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht, ein Tiefschlag, auf den ich nicht vorbereitet war.
„Lächeln ist nur was für reiche Leute, Monsieur Ibrahim. Das kann ich mir nicht leisten.“
Sicher um mich zu ärgern, fing er an zu lächeln.
„Meinst du vielleicht, ich bin reich?“
„Sie haben doch immer Scheine in der Kasse. Ich kenne keinen, der den ganzen Tag so viele Scheine sieht.“
„Aber die Scheine brauche ich, um die Ware zu bezahlen und die Miete. Am Monatsende, weißt du, bleiben nicht allzuviele davon übrig.“
Und er lächelte noch mehr, als wollte er mich ärgern.
„M’sieur Ibrahim, wenn ich sage, dass lächeln nur was für reiche Leute ist, dann will ich damit sagen, dass es nur was für glückliche Leute ist.“
„Na, da irrst du dich aber. Es ist das Lächeln, das glücklich macht.“
„Quatsch.“
„Versuch’s.“
„Quatsch“, sage ich.
„Bist du höflich, Momo?“
„Muss ich sein, sonst krieg ich was hinter die Löffel.“
„Höflich sein ist gut. Freundlich sein ist besser. Versuch es mal mit einem Lächeln, und du wirst sehen.“
Nun gut, wie auch immer, wenn man so nett darum gebeten wird von Monsieur Ibrahim, der mir eine Büchse Sauerkraut allerfeinster Qualität rüberschiebt, warum es dann nicht mal versuchen …
Diese Frage traf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht, ein Tiefschlag, auf den ich nicht vorbereitet war.
„Lächeln ist nur was für reiche Leute, Monsieur Ibrahim. Das kann ich mir nicht leisten.“
Sicher um mich zu ärgern, fing er an zu lächeln.
„Meinst du vielleicht, ich bin reich?“
„Sie haben doch immer Scheine in der Kasse. Ich kenne keinen, der den ganzen Tag so viele Scheine sieht.“
„Aber die Scheine brauche ich, um die Ware zu bezahlen und die Miete. Am Monatsende, weißt du, bleiben nicht allzuviele davon übrig.“
Und er lächelte noch mehr, als wollte er mich ärgern.
„M’sieur Ibrahim, wenn ich sage, dass lächeln nur was für reiche Leute ist, dann will ich damit sagen, dass es nur was für glückliche Leute ist.“
„Na, da irrst du dich aber. Es ist das Lächeln, das glücklich macht.“
„Quatsch.“
„Versuch’s.“
„Quatsch“, sage ich.
„Bist du höflich, Momo?“
„Muss ich sein, sonst krieg ich was hinter die Löffel.“
„Höflich sein ist gut. Freundlich sein ist besser. Versuch es mal mit einem Lächeln, und du wirst sehen.“
Nun gut, wie auch immer, wenn man so nett darum gebeten wird von Monsieur Ibrahim, der mir eine Büchse Sauerkraut allerfeinster Qualität rüberschiebt, warum es dann nicht mal versuchen …
Samstag, 16. April 2011
Brom – Der Kinderdieb
Der Junge trat zu ihr und und kniete sich neben sie. Während sie, die Hände vors Gesicht geschlagen, dasaß und weinte, erzählte er ihr von einer verzauberten Insel, auf die keine Erwachsenen durften. Dort gab es andere Kinder wie sie, die gerne lachten und spielten. Dort konnte man großartige Abenteuer erleben.
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und brachte sogar ein Lächeln zustande, während sie über die alberne Geschichte den Kopf schüttelte. Doch als er sie einlud ihn zu begleiten, erwischte sie sich dabei, ihm zu glauben. Und obwohl eine Stimme tief in ihrem Inneren ihr sagte, dass sie sich von diesem Jungen fernhalten sollte, wünschte sie sich in jenem Moment nichts sehnlicher, als mit ihm zu gehen.
Sie ließ den Blick durch das winzige Zimmer schweifen, in dem man ihr so viel geraubt hatte. Hier gab es nichts außer schmerzlichen Erinnerungen. Was hatte sie also zu verlieren?
Als der Junge sich erneut anschickte zu gehen, zog sie sich eilig an und folgte ihm hinaus in die Nacht.
Hätte das Mädchen nur mit den anderen Jungen und Mädchen reden können, jenen etwa, die dem goldäugigen Jungen bereits gefolgt waren, dann hätte sie gewusst, dass man immer noch etwas zu verlieren hat.
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und brachte sogar ein Lächeln zustande, während sie über die alberne Geschichte den Kopf schüttelte. Doch als er sie einlud ihn zu begleiten, erwischte sie sich dabei, ihm zu glauben. Und obwohl eine Stimme tief in ihrem Inneren ihr sagte, dass sie sich von diesem Jungen fernhalten sollte, wünschte sie sich in jenem Moment nichts sehnlicher, als mit ihm zu gehen.
Sie ließ den Blick durch das winzige Zimmer schweifen, in dem man ihr so viel geraubt hatte. Hier gab es nichts außer schmerzlichen Erinnerungen. Was hatte sie also zu verlieren?
Als der Junge sich erneut anschickte zu gehen, zog sie sich eilig an und folgte ihm hinaus in die Nacht.
Hätte das Mädchen nur mit den anderen Jungen und Mädchen reden können, jenen etwa, die dem goldäugigen Jungen bereits gefolgt waren, dann hätte sie gewusst, dass man immer noch etwas zu verlieren hat.
Donnerstag, 31. März 2011
Kurt Held – Die Rote Zora
„Platz da!“ Begovic hatte seinen alten Schneid wiedergefunden, trieb die Leute mit seinem Knüppel auseinander, drängte Branko hindurch und ging mit ihm weiter.
Er sah sich den Sünder nun genauer an. „Oho!“ schrie er auf. „Du bist es.“ Er gab Branko einen leichten Stoß. „Da habe ich dich gestern also nicht umsonst verprügelt.“
Sie kamen an der alten Marija vorbei.
„He, he!“ Sie streckte ihr bärtiges Gesicht aus ihrer Bude.
Hat er gestohlen, der Branko? Ich habe es mir doch gedacht.“
„Ich habe nicht gestohlen“, heulte Branko jetzt auf. „Ich hatte bloß Hunger.“
Die Alte lachte noch schriller. „Gerade das nennt man ja Diebstahl, du Dummkopf.“
Er sah sich den Sünder nun genauer an. „Oho!“ schrie er auf. „Du bist es.“ Er gab Branko einen leichten Stoß. „Da habe ich dich gestern also nicht umsonst verprügelt.“
Sie kamen an der alten Marija vorbei.
„He, he!“ Sie streckte ihr bärtiges Gesicht aus ihrer Bude.
Hat er gestohlen, der Branko? Ich habe es mir doch gedacht.“
„Ich habe nicht gestohlen“, heulte Branko jetzt auf. „Ich hatte bloß Hunger.“
Die Alte lachte noch schriller. „Gerade das nennt man ja Diebstahl, du Dummkopf.“
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